04.12.2023
04.12.2023
Während der ersten vier Jahre nach dem Doktorat können sich Forschende um einen Ambizione-Förderbeitrag bewerben. Von 2012–2022 hat der SNF 36 Prozent der Beiträge an Frauen vergeben. Woher rührt der Unterschied zu den Männern?
Frauen sind in der Schweizer Forschungslandschaft nach wie vor untervertreten. Zwar ist der Frauenanteil unter den Doktorierenden in gewissen Disziplinen relativ hoch, er sinkt jedoch mit jeder Karrierestufe.
Daher ist es besonders wichtig, den Erfolg von Frauen auf den frühen und mittleren Karrierestufen zu beobachten und geschlechtsbedingte Verzerrungseffekte aufzudecken. Diese Analyse konzentriert sich auf das Förderinstrument Ambizione. Es richtet sich an Forschende auf einer frühen Karrierestufe, die ein selbständig geplantes Forschungsprojekt an einer Schweizer Hochschule durchführen möchten.
Berücksichtigt sind alle 12 Ambizione-Ausschreibungen von 2012 bis 2022 mit über 4000 vollständig begutachteten Ambizione-Gesuchen (Einzelheiten siehe Kasten «Datensatz»).
Aus der Analyse resultierten drei wichtige Erkenntnisse:
Der Anteil der von Frauen eingereichten Gesuche lag bei allen Ausschreibungen zwischen 30 und 40 Prozent. Wie die nachstehende Grafik zeigt, bestehen bei den Geschlechteranteilen beträchtliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Forschungsbereichen: Am tiefsten ist der Frauenanteil mit unter 30 Prozent in den MINT-Fächern (Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften), was angesichts der Untervertretung von Frauen in diesen Fächern nicht überrascht. In den Geistes- und Sozialwissenschaften (GSW) hingegen stammten pro Ausschreibung rund 50 Prozent der Gesuche von Frauen.
In den vergangenen Jahren hat der Anteil der Frauen unter den Gesuchstellenden tendenziell leicht zugenommen. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass in den Lebenswissenschaften (LW) mehr Forscherinnen ein Gesuch stellten. Erfreulicherweise ist auch in den MINT-Fächern der Anteil der von Frauen eingereichten Gesuche in den letzten Jahren tendenziell leicht gestiegen.
Anteil der Gesuche von Frauen im Zeitverlauf
Die folgende Tabelle zeigt die Erfolgsquoten – d. h. den Anteil der vollständig begutachteten Gesuche, die bewilligt wurden – für alle 12 Ausschreibungen. Die Gesamterfolgsquote war bei beiden Geschlechtern ähnlich. In den MINT-Fächern hatten die Frauen jedoch eine höhere Erfolgsquote als die Männer, während umgekehrt die männlichen Gesuchstellenden in den GSW erfolgreicher waren.
Erfolgsquoten von männlichen und weiblichen Gesuchstellenden bei allen 12 Ausschreibungen insgesamt
| Forschungsbereich | EQ Frauen | EQ Männer | Differenz: EQ Frauen - EQ Männer |
|---|---|---|---|
| GSW | 20,5% | 22,3% | -1,8% |
| MINT | 24,7% | 20,9% | 3,8% |
| LW | 21,1% | 21,5% | -0,4% |
| Insgesamt | 21,8% | 21,4% | 0,4% |
Betrachtet man die Erfolgsquoten pro Ausschreibung, wie dies in den nachstehenden Grafiken dargestellt ist, resultieren beträchtliche Unterschiede:
Erfolgsquoten nach Geschlecht im Zeitverlauf, insgesamt und nach Forschungsbereich
Die Gesamterfolgsquote für Gesuche von Frauen war bei der Ausschreibung im November 2017 am höchsten. Diese war ein Spezialfall, da sie eine PRIMA-Übertragungsoption hin zu Ambizione bot: Das PRIMA-Förderinstrument unterstützt Forscherinnen in einem etwas späteren Karrierestadium als Ambizione. Bei dieser Ausschreibung wurden 13 PRIMA-Gesuche, die nicht aus dem PRIMA-Budget finanziert werden konnten, auf Ambizione übertragen. 10 dieser Gesuche wurden durch Ambizione finanziert.
Sind diese Unterschiede bei den Erfolgsquoten der Gesuche von Frauen bzw. von Männern im Zeitverlauf auf zufällige Schwankungen zurückzuführen? Oder gibt es Hinweise auf signifikante Unterschiede zwischen den Förderchancen von weiblichen und männlichen Gesuchstellenden? Diese Frage wurde mit statistischen Modellen untersucht.
Scheinbare Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern beim Fördererfolg gewisser Ausschreibungen müssen nicht zwingend durch das Geschlecht bedingt sein. Vielmehr können weitere Merkmale der Gesuchstellenden eine Rolle spielen – oder auch Faktoren, die sowohl mit dem Geschlecht als auch mit dem Fördererfolg korrelieren, sogenannte Störfaktoren. Ein möglicher Störfaktor ist zum Beispiel eine vorangegangene Förderung durch den SNF. Wie die nachfolgende Grafik zeigt, war der Anteil der Gesuchstellenden, die schon einmal einen SNF-Beitrag erhalten hatten, bei den Frauen höher. Und bei Gesuchstellenden, an die bereits früher ein SNF-Beitrag vergeben wurde, ist die Erfolgsquote höher.
Folgende potenziellen Störfaktoren wurden in den verwendeten statistischen Modellen berücksichtigt:
Die nachstehenden Diagramme veranschaulichen die Verteilung dieser drei Störfaktoren in den 12 Ausschreibungen insgesamt.
Verteilung der Störfaktoren
Abkürzungen: Kant. Univ. = Kantonale Universitäten, ETH = ETH-Bereich, FH/PH = Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen.
Wie haben sich nun die geschlechtsspezifischen Erfolgschancen von Gesuchstellenden im Laufe der Zeit verändert? Um diese Frage zu beantworten, wurden Schätzungen für die drei Forschungsbereiche mit einem statistischen Modell (logistische Regression) vorgenommen, unter Einbezug der erwähnten Störfaktoren (siehe Kasten «Statistische Methoden» für weitere Einzelheiten).
Dabei zeigte sich, dass die beobachteten geschlechtsspezifischen Unterschiede statistisch nicht signifikant sind (Signifikanzniveau 5 %). Frauen und Männer haben somit grundsätzlich die gleichen Chancen, für ein eingereichtes Gesuch einen Beitrag zu erhalten.
Die Ergebnisse sind nachfolgend dargestellt. Ein Chancenverhältnis (Odds Ratio) für das Geschlecht von 1 bedeutet, dass beide Geschlechter die gleichen Erfolgschancen haben. Ein Chancenverhältnis von über bzw. unter 1 signalisiert, dass die Chancen für weibliche bzw. männliche Gesuchstellende höher sind (Definitionen siehe Kasten «Chancen, Chancenverhältnisse und Konfidenzintervalle» in der Datengeschichte über Störfaktoren).
Zum Beispiel beträgt das Chancenverhältnis für das Geschlecht im Zeitraum 2021/2022 bei den GSW 1,28. Dies bedeutet, dass die Chance für Gesuchstellerinnen, einen Beitrag zu erhalten, 1,28-mal so hoch war wie die Erfolgschance für Gesuchsteller. Da das 95%-Konfidenzintervall für jedes Ausschreibungspaar den Wert 1 enthält, sind die beobachteten Geschlechtsunterschiede bei den Erfolgsquoten aber statistisch nicht signifikant (Signifikanzniveau 5 %).
Geschlechter-Chancenverhältnis im Zeitverlauf
Bereinigtes Geschlechter-Chancenverhältnis von weiblichen zu männlichen Gesuchstellenden (Punkte), zusammen mit 95%-Konfidenzintervallen (gestrichelte Linien) pro Paar aufeinanderfolgender Ausschreibungen. Ein Chancenverhältnis von über 1 bedeutet, dass weibliche Gesuchstellende höhere Chancen auf eine Finanzierung haben. Die Schätzungen zum Chancenverhältnis sind bereinigt um frühere SNF-Beiträge, das akademische Alter und die Institutionsart. Die Jahre der jeweiligen Eingabedaten der Ausschreibungen sind auf der x-Achse angegeben. «2016/2017» bezieht sich auf die Ausschreibungen im Februar 2016 und Januar 2017, «2017/2018» auf die Ausschreibungen im November 2017 und November 2018.
Dass in den letzten 11 Jahren weniger Frauen (323) als Männer (577) Ambizione-Beiträge erhielten, ist auf die geringere Zahl der von Frauen eingereichten Gesuche zurückzuführen und nicht auf signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Chancen auf eine Förderung. Weitere Monitorings für alle SNF-Förderprogramme sind auch künftig wichtig, damit allfällige geschlechtsbedingte Verzerrungseffekte bei der Evaluation von Forschungsgesuchen erkannt werden können.
Zur Modellierung des Zusammenhangs zwischen dem Geschlecht und dem Fördererfolg wurden logistische Regressionsmodelle geschätzt. Dabei bildete der Fördererfolg das binäre Ergebnis und das Geschlecht die erklärende Variable. Die im Text genannten Störfaktoren wurden als zusätzliche erklärende Variablen einbezogen.
Zur Analyse der Entwicklung im Zeitverlauf wurden zusätzlich die Zeit (Eingabetermine der Ausschreibungen) und ein Interaktionsterm zwischen Geschlecht und Zeit in die Regressionsmodelle integriert. Da die Zahl der Ausschreibungen relativ hoch ist, wurden die Ausschreibungen in Paare von aufeinanderfolgenden Ausschreibungen gruppiert, und für jedes Paar wurde ein Chancenverhältnis für das Geschlecht geschätzt.
Aus früheren Analysen ist bekannt, dass der Zusammenhang zwischen Geschlecht und Fördererfolg in den verschiedenen Forschungsbereichen recht unterschiedlich sein kann. Daher wurden die Schätzungen für jeden der drei Forschungsbereiche (GSW, MINT und LW) separat modelliert.
Daten, Text und Code dieser Datengeschichte sind auf Github verfügbar und auf Zenodo archiviert.
DOI: 10.46446/datastory.gender-monitoring-ambizione